REZENSION: ZEIT DER ZAUBERER

Würde Wolfram Eilenberger in seinem Buch Zeit der Zauberer von einer magischen Zaubereischule im Vereinigten Königreich schreiben, so hießen die vier Häuser der Schule Haus Wittgenstein, Haus Cassirer, Haus Heidegger und Haus Benjamin.

Doch anstelle von magischen Kreaturen, Todesflüchen und Teenager-Liebe geht es um vier große deutsch-sprachige Philosophen der 1920er Jahre. In meiner Muggel-Schule wurde Philosophie leider nicht als Unterrichtsfach angeboten. Lediglich im Religionsunterricht wurde der der Themenkomplex kurz angeschnitten, wenn auch eher nebensächlich. Oft ging es dabei lediglich um Religions- und Glaubenskritik. Aber immerhin lernte man da schon mal, wer eigentlich Albert Camus war.

Aus diesem Grund war Eilenbergers Werk für mich der erste echte (freiwillig gewählte) Berührungspunkt mit dem weitläufigen Feld der Philosophie. Da verwundert es nicht, dass ich von den thematisierten philosophischen Ansätzen im Grunde weniger als 10% wirklich verstanden habe. Nichtsdestotrotz hielt mich der lebhaft gehaltene biographische Teil über die Zauberer stets bei Laune, sodass die Lektüre trotz zwischenzeitlicher Konfusion und spätabendlichem Kopfbrummen relativ kurzweilig blieb.

Selbst dass ich circa jeden siebten Satz zwei- bis dreimal wiederholen musste, hat meiner Lesefreude keinen Abbruch getan. Möglicherweise ist Zeit der Zauberer nicht das ideale Einstiegswerk in diese intellektuell recht fordernde Thematik. Für mich unwissenden Laien hat es diesen Zweck dennoch ganz gut erfüllt. Denn nun weiß ich nicht mehr länger nur, wer Albert Camus war, sondern werde auf zukünftigen Steh-Partys auch wild mit den Namen Ernst Cassirer, Martin Heidegger, Ludwig Wittgenstein und Walter Benjamin jonglieren können.

Witzig allerdings, wie Eilenberger – gewollt oder ungewollt – mein Urteil über die vier neu gewonnenen Bekannten direkt beeinflusst hat. Während mir Cassirer mit seiner unaufgeregten, am Boden gebliebenen Herangehensweise genauso wie Heidegger als Schwarzwald-Liebhaber im Laufe der Seiten immer sympathischer wurden, wuchs das Mitleid für Kriegsheimkehrer Wittgenstein, der sich nach und nach als gebrochener Mann, ja als armer Tropf entpuppte.

Am schlechtesten kam allerdings Benjamin weg. Er erschien mir (wie gesagt: einem Laien ohne Vorwissen) schlichtweg als notorischer Lügner, grenzenloser Selbstüberschätzer und ganz allgemein eher unangenehmer Zeitgenosse. Heute wäre er vermutlich Influencer. Dies ist natürlich bloß mein rein subjektiver Eindruck, den ich beim Lesen erhielt. Was womöglich schade ist, denn Genialität wird bei Benjamin reichlich vorhanden gewesen sein. Nur fehlt mir bereits die Lust, mich tiefergehend mit seinem Werk zu befassen. Er geht mir einfach jetzt schon auf den Sack.

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