REZENSION: SONNE UND BETON

Ditt is Berlin ist vermutlich das Schlimmste, was man als zugezogener Berliner sagen kann. Wie soll irgendein Stefan aus Böblingen, der seit 18 Monaten in „Börlin Fucking City“ lebt, beurteilen können, was das Leben in Hauptstadt wirklich ausmacht.

Kann er ungefähr genau so wenig, wie irgendein Oliver aus einem niedersächsischen Kuhdorf es vermag, selbst wenn es dieser mittlerweile auf fast drei Jahre in Berlin bringt. Zu unser aller Glück gibt es aber Bücher wie Felix Lobrechts Debütroman „Sonne und Beton“, der mit ungeschminkter Nüchternheit beschreibt, wie das Heranwachsen in Berlin tatsächlich sein kann. Sofern man in der Neuköllner Gropiusstadt aufwächst und nicht im wohlhabenden Zehlendorf.

In manche der beschriebenen Situation konnte ich mich aus eigenen Großstadt-Erfahrungen vielleicht hereinfühlen. Wen gucke ich wie lange an, reagiere ich, wenn ich von der Seite angelabert werde oder gehe ich stur weiter – all die kleinen Entscheidungen, die man in Sekundenbruchteilen treffen muss und die nicht unbedingt immer Leben oder Tod bedeuten, aber mitunter doch eine gebrochene Nase zur Folge haben können. Letztlich also hauptsächlich die Urinstinkte Kampf oder Flucht ansprechen, was mitunter ein stressiges Alltagsleben bedeuten kann.

Den Großteil der Erfahrungen mit Gewalt, Kriminalität und Drogen, die Hauptprotagonist Lukas im Laufe der Erzählung in der Gropiusstadt macht, kannte ich in meiner Jugend aber lediglich aus Aggro-Videos auf Viva Plus. Heute sage ich: zum Glück. Damals habe ich vielleicht schon ein bisschen neidisch auf die harten Jungs aus den Berliner Brennpunkten geschielt, während ich selbst durch blühende Rapsfelder zum alten Schacht gelaufen bin, weil das der einzige Platz hier im Dorf ist, der sich ein bisschen nach Ghetto anfühlt und wo das Betreten aufgrund von Lebensgefahr verboten ist.

In seinen rasend schnellen Dialogen und Handlungsabläufen hat mir der Roman dann auch ziemlich schnell jegliche Illusionen genommen, dass ich im Neuköllner Betonsommers nicht komplett abgekackt hätte. Schon nach den ersten Zeilen schoss mir der Gedanke „ich will hier weg“ durch den Kopf – also ähnlich dem Empfinden, wie es auch der Protagonist häufiger erlebt. Nur dass dieser nicht einfach das Buch weglegen und das Gesicht Richtung Sonne drehen kann. Er ist in seiner Lebensrealität gefangen und versucht Tag für Tag, Stress so gut es geht zu vermeiden und nicht unterzugehen. Beispielhaft dafür der Schluss des ersten Kapitels, nachdem es das erste Mal richtig auf die Omme gab: „Ich huste und gehe in mein Zimmer. Ich werfe mich aufs Bett und schließe die Augen. Kein Bock mehr.“

Insofern verifiziert der Roman im Prinzip also genau das, was man als Nicht-Berliner immer schon über das Aufwachsen in Neukölln zu wissen geglaubt hat. Doch in diesem Fall nicht wie so oft aus der unnachgiebigen Perspektive eines Aggro-Rappers, sondern aus dem Blickwinkel eines ohnmächtigen Jugendlichen, der sich bewusst ist, wie scheiße das alles um ihn herum ist, und trotzdem nicht viel dagegen anrichten kann und auch keine Exit-Strategie sieht. Durch den wohl stark autobiographischen Charakter des Buches verliert die Story auch den wohligen Mantel der Fiktion und zwingt den Leser (egal ob Stefan aus Böblingen oder Oliver aus Schaumburg), sich mit der harten Lebensrealität vieler Berliner Jugendlichen auseinanderzusetzen. Das am schwersten zu verdauende Zitat steht für mich daher auch nicht in der Geschichte selbst, sondern ganz am Anfang, im Einleitungstext des Autors. „Ich wünschte, ich hätte mir mehr ausdenken müssen.“

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