DAS LEBEN IN EINER ALTEN, SCHWEDISCHEN MÜHLE

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Nach meiner Zeit in Göteborg und dem Schärengarten geht es für mich weiter ins Landesinnere. Etwa eine Stunde Busfahrt von Göteborg entfernt liegt die kleine Ortschaft Hyssna. Hier sieht es genau so aus, wie sich jeder der unter dem Bullerbüsyndrom leidet, die schwedische Landschaft vorstellt. Postkartenidylle pur mit roten Holzhäusern, weiten See und alten Wäldern.

Die alte Dorfmühle von Hyssna wurde mittlerweile zu einem Pensionat und Café samt Hofladen umgebaut, welches den klangvollen Namen Kvarnen i Hyssna trägt. Genau hier darf ich noch für zwei weitere Nächte in Schweden bleiben – bei meinen überaus freundlichen Gastgebern Hans und Catherine. Seit Generationen schon hat Hans Familie die Mühle betrieben und immer weiter ausgebaut. Sein Großvater hat nebenbei noch zwei olympische Goldmedaillen im Wrestling für sein Land gewonnen. Stolz zeigt mir Hans die Urkunden. Um sein Andenken in Ehre zu halten trägt die kleine Straße seit 2012 sogar seinen Namen – Claes Johanssons Väg.

Dies alles erfahre ich bei der kleinen Führung die mir Hans auf dem Gelände gibt, bevor ich mein Zimmer in der alten Schmiede gezeigt bekomme. Ich bin aufrichtig beeindruckt davon, was Hans und Catherine aus den alten Gebäuden gemacht haben. Kultur und Geschichte sind erhalten geblieben, es ist eine tolle Mischung aus modern und traditionell. Man fühlt sich auf Anhieb wohl. Vor allem auch wegen der extremen Gastfreundlichkeit der beiden. Eine Charaktereigenschaft die man in Schweden glücklicherweise sehr häufig antrifft.

Nach dem reichlichen Abendessen mache ich noch einen ersten kleinen Erkundungsspaziergang entlang des kleinen Flußes, der an der Mühle vorbei fließt. Hans Tipp: Einfach der gelben Markierung folgen. Es ist noch angenehm warm, die grüne Landschaft ist in ein schönes Abendlicht getaucht und selbst Mücken gibt es hier kaum. Unter diesen Topbedingungen erkunde ich also die nähere Umgebung. Streife durch kleine Wälder, entdecke alte, bildhübsche Höfe und nicht weniger schöne Kirchen. Nach etwa einer Stunde kehre ich wieder zurück und lege mich direkt schlafen, bereits voller Vorfreude auf den kommenden Tag.

Am nächsten Morgen darf ich endlich richtig loslegen. Mit liebevoll gepacktem Lunchpaket und Kajak auf dem Anhänger geht es Richtung Stora Hålsjön, an dessen Ufer mich Hans aussetzt. Auf der Karte zeigt er mir noch kurz, an welchem Ufer sich seine beiden neuerworbenen Hütten befinden und schon geht es los. Mit leichten Zügen paddle ich hinaus auf den See, hinein in die bereits angenehm wärmende Morgensonne. Am Ufer sehe ich ein Zelt und irgendwo auf dem See ist ein Boot unterwegs. Ansonsten habe ich dieses wunderschöne Stückchen Natur komplett für mich allein.

Zuerst geht es für mich unter Bäumen und durch ganz seichtes Wasser hindurch in einen kleinen Seitenarm des Sees, bevor ich mich am Ufer entlang langsam in meinen mittlerweile gewohnten Rythmus begebe. Es tauchen die ersten Hütten auf, die einen direkt neidisch werden lassen. Nach kurzer Zeit erreiche ich auch die beiden Hütten, die Hans mir beschrieben hat. Ich fahre am Steg vorbei, da dort das Aussteigen fast unmöglich ist. Ein paar Meter weiter um die Kurve hingegen ist eine flache Stelle, die sich perfekt eignet um an Land zu gehen.

In meiner kleinen Bucht genieße ich für ein paar Stunden die Sonne, gehe im See schwimmen und esse meinen Lunch. Zudem inspiziere ich die besagten Hütten. Sie sind sehr schlicht, ohne Strom und Wasser, aber genau das ist die Idee dahinter. Ein komplett elementares Urlaubserlebnis, ohne den Buzz von Elektrogeräten, sondern nur im Einklang mit der Natur. Wer diese Art von Urlaub sucht, kann sie hier bekommen. Ein Anruf bei Hans und Catherine genügt aus.

Als die Sonne gerade ihren Zenit überschreitet, mache ich mich wieder auf den Weg. Ich umrunde einige temporär bewohnte Inseln des Sees und staune über diese isolierte, aber idyllische Variante des Schwedenurlaubs. Dann geht es weiter in Richtung des Seeufers, an dem das Gewässer in einen Kanal überfließt. An dieser Ufer gibt es immer mehr und mehr Hütten, doch jemanden erspähen kann ich trotzdem nicht wirklich.

Dann sieht es plötzlich aus, als ob von Süden ein Gewitter naht. Der Wind verstärkt sich, der Wellengang ebenso. Ich drehe lieber um, denn ich habe noch ein ganz schönes Stück vor mir. Direkt gegen die Wellen ist das Paddeln sehr anstrengend. Um mich zu motivieren lasse ich über mein Handy das Titellied der Erfolgsserie Vikings laufen. Das gibt neue, zusätzliche Kraft und macht mich für kurze Zeit zu einem echten Nordmann. Links ist das Wasser grau, rechts knallbau. Der Wettergott kann sich noch nicht so recht entscheiden, ob er Ragnarök über mich hineinbrechen lässt.

Ohne Regenschauer erreiche ich wieder das Ufer, an dem Hans mich starten ließ. Die Camper sind mittlerweile weitergezogen. Ich esse noch etwas Brot, dann geht Teil 2 meines Abenteuers los. Das Kajak lasse ich wie vereinbart einfach liegen, die nächsten Stunden werde ich zu Fuß unterwegs sein. Ich begebe mich auf den Hyssnaleden, der direkt am Ufer des Stora Hålsjön verläuft. Insgesamt ist der Wanderrundweg 42 km lang, also genau Marathonstrecke. Mein Ziel für heute sind aber nur rund 8 km.

Schon nach kurzer Zeit wird mir bewusst, dass das ganze etwas anspruchsvoller als gedacht werden könnte. Zumal ich mit meinen Nikes und Badehose nicht sonderlich gut ausgerüstet bin für eine mehrstündige Wanderung durch nur leicht hügeliges, an manchen Stellen aber auch anspruchvolles Gelände, bin. Und meine konditionelle Verfassung war auch schonmal besser.

Wie mir Hans später berichten wird, laufe ich selbstverständlich den schwierigsten Teil des Wanderweges. Ich Glückspilz. Richtig fluchen werde ich aber nur ein einziges Mal, als ich auf einer steilen Waldlichtung wegrutsche und mir fast die Schulter wegsprenge. Der Rest des Pfades ist äußerst idyllisch, führt mal direkt am Ufer, mal durch Wälder und mal über Wiesen. Immer wieder sprenkeln rote Holzhäuschen den Weg und man trifft die ein oder andere Menschen- oder Tierseele. Aber die meiste Zeit ist man ganz bei sich und hängt seinen Gedanken nach. Persönliche Empfehlung: Handy auf Flugmodus stellen und genießen.

Am Ende weiß ich gar nicht mehr, wie lange ich unterwegs war. Mir tut alles weh, ich bin verschwitzt und habe Sonnenbrand. Aber ich bin auch extrem glücklich über die auf ihre Weise erholsamen Stunden in der Natur und die vielen schönen Fotos die ich machen konnte. Mit letzter Kraft schleppe ich mich auf die Hauptstraße. Hinter dem Ortsschild von Hyssna lasse ich mich in den Graben fallen. Im Schatten des einzigen Baumes weit und breit rufe ich Hans an und beschreibe ihm wo ich sitze.

Allerdings kommt zunächst die Besitzerin des Grundstücks auf dem ich sitze mit dem Auto nach Hause. Mit ihrem kleinen Sohn kommt sie auf mich zu und guckt halb skeptisch, halb neugierig. Ich erkläre ihr direkt auf wen ich warte und warum ich auf ihrem Rasen im Schatten sitze. Sofort hellt sich ihre Mine auf und wir plaudern über den schwedischen Sommer, Gemeinsamkeiten unserer Heimatländer und das kaputte Auto am Waldrand. Irgendwo dazwischen trifft Hans ein und nach kurzer Verabschiedung geht es wieder zurück zur Mühle.

Meinen letzten Abend in Schweden feiere ich mit köstlichen Burgern aus frischen Zutaten, welche mir Hans direkt auf der Terrasse serviert. Ich sitze noch so lange draußen und telefoniere mit einer Freundin aus Finnland, bis es mir doch zu kalt wird, weil die Sonne eine Woche vor Mittsommer halt doch irgendwann untergeht, hier in Schweden. Ich krieche in mein Bett und mein letzter Gedanke ist, wie sehr ich dieses Land und seine Menschen doch liebe.