NORWEGEN ROADTRIP TAG 2: TOTE LEMMINGE, MEIN ERSTER ELCH UND EIN JUNGER BRUCE SPRINGSTEEN

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Unsere erste Nacht im Zelt verlief weitaus weniger schlimm als befürchtet und so sind wir alle guter Laune, als wir unseren Krempel wieder zusammenpacken und mehr schlecht als recht in der A-Klasse verstauen. Tagesziel ist, bei Einbruch der Nacht unsere Hütte in Åndalsnes zu erreichen.

Zuvor steht uns aber noch eine Kajaktour mit anschließender Gletscherbesteigung bevor. Nachdem ich auf der Homepage des Veranstalters Icetroll ein durchaus spektakuläres Video über die Touren gesehen hatte, beschloss ich vorab zu Hause besser nichts von unserer lebensbedrohlichen Expedition ins ewige Eis zu erzählen. Sorry Mama!

Während wir uns noch notdürftig auf dem Parkplatz des Besuchercenters die Zähne putzen, stellen sich unsere beiden Guides schon der Gruppe vor. Wir hatten mit waschechten Norwegern gerechnet, können uns dennoch direkt mit Mike aus Neuseeland und Diego aus Argentinien anfreunden, da beide überaus sympathisch rüberkommen und letzterer mich an den jungen Bruce Springsteen erinnert.

In Kolonne fahren wir zum Gletschersee Styggevatnet, der zum Jostedalsbreen Gletscher gehört. In verschneiter Landschaft zwängen wir und der Rest der rund 15-köpfigen Gruppe uns in leuchtende Kajaks. Während Robin und ich die nächsten Stunden buchstäblich in einem Boot sitzen werden, hat Matti die Ehre mit Diego Springsteen ein Kajak zu teilen, wodurch er direkt die Rangliste bis nach oben kletterte. Denn nun ist er maßgeblich daran beteiligt, der Gruppe einen Weg durch den zum Teil noch zugefrorenen See zu bahnen.

So geht es die sechs Kilometer mal zügig, mal im Schneckentempo voran. Auch weil nicht alle Teilnehmer die selben motorischen Fähigkeiten beim Bezwingen des Eises an den Tag legen. So gerät man selbst im einsamen Norwegen in einen Stau.

Am Gletscher angekommen halten wir alle erst einmal einen Moment inne, ist er doch von majestätischer Schönheit und zeitgleich von so vergänglicher Zerbrechlichkeit. Ständig brechen Eisstücke vom Gletscher ab und fallen in den See. Nach kurzer Pause werden wir von unseren Guides mit Spikes, Axt und Seil ausgestattet und los geht der möglicherweise wirklich nicht ganz ungefährliche Teil unseres Gletscherabenteuers.

Denn trotz eindringlicher Einweisung begreifen nicht alle Expeditionsteilnehmer, dass man am Rand vom zum Teil bis zu 600 Meter tiefen Eisfelsspalten ein wenig darauf Acht geben könnte, ob man wie der letzte Esel auf dem Seil steht und so sich und alle anderen Gruppenmitglieder gefährdet. Wie dem auch sei, alle haben überlebt und einen atemberaubenden Einblick auf dieses schützenswerte Naturwunder bekommen. Und auch den einen oder anderen erfrorenen Lemming gesehen, der es leider nicht durchs ewige Eis geschafft hat.

Der Rückweg über den Gletschersee ist nicht weniger beschwerlich als auf dem Hinweg, da Teile unserer Schneisen wieder vom Eis verschlossen sind. Auch wenn bei einigen am Ende merklich die Kräfte ausgehen, schaffen es alle trocken zurück zum Startpunkt unserer Tour. Nur ich Volldepp schaufel mir beim letzten Paddelschlag einen Liter feinsten, eisgekühlten Gletscherwassers in den Ärmel. Zum Glück gibt’s im Benz eine Heizung und trockene Klamotten.

Von nun an heißt es wieder Kilometer fressen und wir treiben die arme A-Klasse wirklich bis zum Äußersten. Als wir sie Jotunheimen, dem höchsten Gebirge des Landes, hochquälen, stinkt und röchelt sie bereits so arg, dass ich mir ernsthaft Gedanken darüber mache, wie wir hier oben bei vier Grad Außentemperatur eine Panne überleben sollen. Doch unser treuer Freund hält durch und wir erlauben uns ein schnelles Gruppenfoto auf eisiger Höhe.

Weiter geht es in den nächsten Stunden geradeaus über endlose Vorfahrtsstraßen und an unbeschreiblich schönen Fjorden vorbei. Gelegentlich halten wir für eine kurzen Fotostopp an, einmal sogar notgedrungen, weil uns ein Elch fast vor die Karre läuft. Dass ich meinen ersten Elch in freier Wildbahn nicht in meinem geliebten Schweden sondern im Nachbarland Norwegen bestaunen darf, wer hätte das gedacht.

Als sich die Sonne gerade mit einem bombastischen Sonnenuntergang von uns verabschiedet, werde ich doch noch einmal auf den Fahrersitz rotiert. Und was soll ich sagen, Auto fahren in Norwegen ist echt entspannt und macht Spaß, allerdings nur bedingt, wenn man total übermüdet durch die dunkle Nacht rauscht. Gegen die schweren Lider mache ich meine All Time Favourites-Playlist bei Spotify an und Matti ist so nett die meisten Song gemeinsam mit mir neu zu interpretieren, während sich Robin auf dem Rücksitz seine wohlverdiente Mütze Schlaf gönnt.

So gelingt es mir uns unfallfrei an unsere Hütte zu bringen, die wir weit nach Mitternacht nur noch kurz in Augenschein nehmen, denn der Tag war lang und wir sehnen uns alle bloß noch nach einem gemütlichen Bett für unsere müden Körper.