NORWEGEN ROADTRIP TAG 5: SONNENSCHEIN, DIE MACHT DES KÄSEBROTS UND SCHON WIEDER STAU

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Die Wettervorhersage verspricht endlich gutes Wetter mit Sonne satt, sodass wir uns für Tag 5 unseres Norwegen-Abenteuers die Besteigung des Romsdalseggen auf die Fahnen schreiben.

Was wir bei unserem Plan nicht bedacht haben, sind die rund 400 Norweger, die sich auf dem kleinen Platz tummeln, von wo aus die Shuttlebusse Wanderer nach Venjesdalen bzw. zum Start Wanderung über den Romsdalseggen befördern. Es ist der erste sonnige Tag nach drei Wochen Dauerregen. Hätte uns eigentlich klar sein können, dass die nach Vitamin D lechzenden Norweger mit Kind und Kegel (oder Hund) nach draußen strömen.

Wir halten uns vornehm zurück und lassen den Locals den Vortritt. Erst nach über einer Stunde besteigen wir mit einer Handvoll Mädels in unserem Alter den Bus. In der Zwischenzeit sind wir allerdings von der netten Norwegerin mit dem Megaphon bereits mit Tee versorgt worden, an dem sich der gierige Robin direkt Zunge und Bart verbrennt.

Nach kurzer Fahrt über sogenannte Straßen werden wir in der Natur ausgesetzt und von zwei gemächlich grasenden Schafen begrüßt. Dann beginnen wir die Wanderung und die erste Stunde zählen wir tatsächlich noch mit, wie viele Leute wir überholen.

Dies wird uns aber schon bald zu anstrengend, da erstens die Masse an Menschen immer unüberschaubarer wird (anscheinend schiebt sich die halbe Bevölkerung Norwegens über diesen Grat) und zweitens der Weg immer anspruchsvoller wird und drittens die Sonne erbarmungslos vom Himmel knallt. Vor allem der Verfasser dieser Zeilen gerät dabei ein wenig ins Schwitzen.

Als wir den sogenannten Orchesterplatz erreichen, ist all das wie weggewischt. Jetzt zählt nur noch die wunderbare Aussicht über das Raumatal und den Romsdalfjord. Robin und Matti machen es sich an der Kante bequem, ich verdrücke mein Käsebrot zwei Meter weiter hinten. Immer noch Höhenangst.

Das Käsebrot verleiht uns neue Kräfte und nachdem mein Versuch, mich in eine Norwegerfamilie einzuheiraten vorerst gescheitert ist, begeben wir uns auf die eigentliche Gratwanderung. Auf dieser hangelt man sich auch schonmal an Ketten die nächsttödliche Steilwand entlang. Das Tempo ist jedoch eher bescheiden, da sich wie gesagt halb Norwegen auf dem Grat befindet und wir schon das zweite Mal in diesem Urlaub in einen Stau geraten – mitten in der Natur und ganz ohne Auto.

Doch auch diese Etappe meistern wir bravourös und setzen nach kurzer Verschnaufpause zum finalen Teil der Wanderung an – dem Abstieg. Keiner von uns hätte es für möglich gehalten, dass dies die mit Abstand schwerste und unbarmherzigste Etappe der Tour wird.

Denn mit schon einigen Stunden Bergsteigen in den Knochen, sind Körper und Geist müde, oft geben bei mir die Knie nach. Alle 50 Schritte habe ich das Gefühl, mein Kreuzband würde sich endgültig von mir verabschieden. Man denkt nicht mehr, sondern setzt nur noch stumpf einen Fuß vor den anderen und schreckt nur auf, wenn man einen wackelnden Stein erwischt oder das Geräusch eines schlitternden Mitstreiters vernimmt (etwas, das man wirklich nicht hören will beim Wandern). Denn lang machen wir uns alle an diesem Tag. Matti übertreibt es besonders, doch kann sich mit letzter Kraft noch an einem Baum festkrallen. Not today.

Auf der letzten Rille erreichen wir wieder die Zivilisation. Ich schwanke zwischen Stolz und Wut, dass ich mich dieser Selbstgeißelung ausgesetzt habe, und bedauere auch die Versäumnisse im Vorfeld. Ein bisschen besser sollte man seinen Körper schon auf derartige Belastungen vorbereiten. Immerhin konnten Robin und Matti einen weiteren Titanic-Moment auf der Aussichtsplattform miteinander teilen. Mich überkommt der Drang, mich auf den Boden zu werfen und den Boden zu küssen. Aber das geht nicht, halb Norwegen guckt zu.

Nach der verdienten Dusche tragen wir den Esstisch auf die Terrasse und bereiten uns aus den am Vortag gefangenen Fischen ein Festmahl mit Ausblick auf den Fjord samt Hauswasserfall. Und auch wenn mir alles weh tut, bin ich innerlich total aufgeräumt und glücklich darüber, wie wir diese erste echte Nagelprobe gemeistert haben. Die Treppe zu den Schlafgemächern erklimme ich trotzdem wie Ivar, the Boneless.