NORWEGEN ROADTRIP TAG 6: TIGERENTE, NACKTBADEN UND ALFONS, DAS PLASTIKKROKODIL

Read in English / Auf Englisch lesen

Wir hatten die arme A-Klasse bereits in Jotunheimen ganz schön gequält, sodass ich zwischenzeitlich bereits glaubte, dass sie ein für allemal den Geist aufgeben würde. Doch das war noch nichts gegen das, was sie auf dem Trollstigen durchmachen musste.

Die berühmte Passstraße ist weniger als eine Autostunde von Åndalsnes entfernt und stellt eine der größten Attraktionen der Region dar. In weit ausufernden Serpentinen schlängelt sich der Asphalt mit bis zu 12% Steigung seinen Weg hoch ins Gebirge, eingerahmt von majestätischen Wasserfällen.

Wie eingangs schon erwähnt, müssen wir der A-Klasse erneut alles abverlangen, um den Pass zu erklimmen. Wieder beginnt sie zu quietschen und komisch zu riechen, erweist sich darüber hinaus aber erneut als treue Gefährtin. Zudem ist unser Fahrer Gott sei Dank schwindelfrei, was man nicht von allen Fahrern der zahlreichen Wohnmobilschlachtschiffen behaupten kann, die sich ebenfalls den schmalen Pfad hochquälen.

Wir stellen unseren Wagen auf dem Parkplatz des neu errichteten Besucherzentrums ab, lassen die überfüllten Aussichtsplattformen erstmal links liegen und marschieren schnurstracks in die Pampa. Schon nach wenigen Minuten erreichen wir einen wunderschönen See, an dem wir bereits ganz für uns alleine sind. Die Menschen, die wir in den nächsten Stunden zu Gesicht bekommen, können wir an zehn Fingern abzählen.

Das Ziel unserer heutigen Wanderung ist eine Gesteinsformation mit dem Namen „Mannen“, also Mann (um dies übersetzten zu können, braucht man wahrlich kein abgeschlossenes Skandinavistik-Studium). Für die Tagestour haben wir fünf bis sechs Stunden eingeplant, sollten also bis Sonnenuntergang wieder zurück am Besucherparkplatz sein.

Die ersten Kilometer marschieren wir noch durch eher grüne Landschaften, doch schon bald wir das Gelände karger und unwirtschaftlicher. Es zeigen sich die ersten Eis- und Geröllfelder, auf denen man sich schon etwas mehr konzentrieren sollte. Zwischendurch durchwandern wir auch kleine Eisbäche, die sich hervorragend als Trinkwasserquelle eignen.

Mich plagt allmählich der Hunger, doch Fähnleinführer Matti bleibt eisern. Gegessen wird erst am Gipfel. Anscheinend bin ich wie der Kung Fu Panda, die Aussicht auf Essen motiviert mich stets am besten. In rasantem Tempo lassen wir die letzten Eisfelder hinter uns und kraxeln die letzte Steigung hoch – geschafft. Wir genießen den Ausblick ins noch leicht von der Sonne erleuchtetes Tal – und müssen dann erst einmal lachen. Der sogenannte „Mannen“ sieht für uns nicht wirklich wie ein Mann aus, vielmehr wie eine Tigerente.

Die Stullen sind schnell verdrückt und da uns die Anwesenheit von Gerölllawinenfrühwarnsystemen irgendwie nervös macht, brechen wir schon nach kurzer Rast wieder auf. Idealerweise soll Alfons, das Plastikkrokodil, heute nämlich auch noch zum Einsatz kommen.

Das aufblasbare Krokodil war ein Geburtstagsgeschenk von Matti und mir für Robin, das er zum Beginn des Urlaubs bekommen hat. Die Anregung stammt von der Crew der Dodo’s Delight, deren Film wir auf der European Outdoor Film Tour gesehen hatten. Eventuell verschafft dir dieses unterhaltsame Video ja etwas mehr Klarheit.

Schon auf dem Hinweg hatten wir nach einem geeigneten Badesee Ausschau gehalten. Auf dem Rückweg entdecken wir ihn schließlich. Eingebettet in Schnee und Stein liegt er ganz ruhig da, nur eine kleine Eisscholle treibt in seiner Mitte. Ein bisschen zögerlich pusten wir Alfons auf und entledigen uns unserer Kleider. Matti wagt es als erster ins eiskalte Wasser. Geschätzte Temperatur: 2 Grad plus. Ich möchte ihm in nichts nachstehen und tauche mich unfreiwillig doppelt unter. Der anschließende Schrei ist eine Mischung aus Freude und abgefrorenen Genitalien. Robin will sich auch nicht lumpen lassen und komplettiert das Badevergnügen.

So richtig gefroren haben im eigentlich nur die Füße, da diese ständig im kalten Wasser waren. Der Rest des Körpers ist sehr schnell wieder warm und so treten wir total revitalisiert die noch anstehende Schlussetappe an. Mittlerweile haben sich entlang des Weges einige Camper ihr Nachtlager eingerichtet und ich bin jedes Mal begeistert von dem Jedermannsrecht und wie respektvoll es von allen genutzt wurden.

Als wir das Besucherzentrum erreichen, sind fast alle anderen Touristen verschwunden. Endlich können wir in Ruhe die Aussicht auf den Trollstigen und das weite Tal genießen. Robin kühlt noch einmal seine geschundenen Füße in dem kleinen Fluß, an dem das Zentrum erbaut wurde, Alfons kommt allerdings nicht nochmal zum Einsatz.