SCHULD, REUE, GEDENKEN, VERANTWORTUNG

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Über 70 Jahre sind vergangen. 70 Jahre, seit einem der grausamsten Verbrechen in der Menschheitsgeschichte. Und hier stehe ich nun, 24 Jahre alt, und frage mich wie ich mit dieser, unserer Geschichte umgehen soll. Umzugehen habe.

Ich war hier schon einmal. Auf meiner ersten Klassenfahrt nach Prag sind wir ebenfalls nach Theresienstadt gefahren. Ich war damals gerade mal 17 Jahre alt. 17 Jahre alt und weit, weit davon entfernt, reif genug zu sein um die Bedeutung des Ortes wirklich zu begreifen, den wir da besuchten. Vielleicht hatte ich ab und zu einen erschrockenen Ausdruck auf meinem Gesicht, allerdings war das Wetter großartig und ich hatte meine Freunde bei mir. So what?

Hier erneut zu stehen, mittlerweile 24, fühlt sich immer noch nicht so an, als ob man wirklich dazu in der Lage wäre, das alles hier zu verstehen. Und vermutlich wird das auch immer so bleiben. Das Konzentrationslager wurde 1945 befreit. Ich wurde 1993 geboren. Es liegt also eine ganze Generation zwischen dem Zweiten Weltkrieg und meiner Geburt. Dennoch stehe ich im staubigen Boden, krampfhaft versuchend mir die Bedeutung und Wichtigkeit dieses Ortes bewusst zu machen, wenigstens einen kleinen Teil davon, und starre dabei auf das so gefürchtete Schild das verkündet “Arbeit macht frei”.

Natürlich bin ich während der vergangenen 7 Jahre gereift. Natürlich bin ich nun in der Lage, manche Zusammenhänge in den Ereignissen unserer Geschichte zu erkennen. Natürlich habe ich in der Zwischenzeit viele Bücher gelesen und unzählige Filme gesehen. Aber letztendlich stehe ich bloß da, einen kalten Schauer auf dem Rücken und wundere mich, welche Rolle ich hier eigentlich zu spielen habe? Falls es denn überhaupt eine für mich zu spielen gibt? Wird von mir erwartet, dass ich mich wie der Besucher einer Beerdigung verhalte, stillschweigend und betreten? Wird von mir erwartet, dass ich tatsächlich, nur zu einem geringen Teil, verstehe, welches Leid hier stattgefunden haben muss?

Ich habe während meines zweiten Besuchs im KZ Theresienstadt keine Antwort zu irgendeiner dieser Fragen gefunden. Alles was ich weiß ist, dass so etwas nie wieder passieren darf (und doch passiert es überall auf der Welt genau jetzt) und dass es sich lohnt, für ein friedlich vereintes Europa zu kämpfen. Mit einem Kloß im Hals steige ich in den Bus, der uns weg bringt vom KZ, hin zur eigentlichen Stadt Theresienstadt.

Beim Verlassen des Busses in Theresienstadt fühle ich mich sofort unwohl, als ob jemand groß in der Stadt verkündet hätte “Die Deutschen sind da.. wieder!”. Aber, gibt es überhaupt einen Grund beschämt zu sein? Selbstverständlich. Die Geschichte verlangt es. Nichtsdestotrotz waren noch nicht einmal meine Eltern auf der Welt, als all diese fürchterlichen Dinge hier geschahen, sollte ich mich also wirklich schuldig fühlen? Für was? Was einige meiner Landsleute vor über 70 Jahren angerichtet hatten? Dafür, in Deutschland geboren zu sein?

Wie dem auch sei, ich schob all diese zu komplexen Fragen beiseite und begann, durch die Stadt zu spazieren. Was mir dabei als erstes auffiel, war ihre scheinbare Verlassenheit. Klar, da waren Autos und ein paar Menschen auf den Straßen, aber ich frage mich umgehend, wer diese Leute sind und warum sie hier leben, leben wollen? Trotz der Geschichte, oder gerade wegen ihr? Oder vielleicht interessiert es sie auch gar nicht?

Es fühlte sich zunächst nach einer Geisterstadt an, was sich nach und nach eher zu dem Eindruck verändert, auf einem gigantischen Filmset für einen historischen Film zu wandeln. Die Anordnung der Straßen und Häuser, wie vom Reißbrett. Und die Häuser bloß Fassaden aus Holz.

Dann entdeckte ich plötzlich die schwarz-rot-goldene Flagge meines Heimatlandes in einem Fenster im Erdgeschoss und fing an wie ein Idiot darauf zu starren. Männer die auf Flaggen starren. Vermutlich war dies die Flagge, die ich hier am wenigsten erwartet hätte (okay, außer der Reichskriegsflagge vielleicht). Würde ein Deutscher, der hier an diesem Ort lebt, tatsächlich seine Fahne so selbstbewusst präsentieren? Und wenn sie nicht einem Deutschen gehört, wem dann? Fußball und der WM-Sieg von 2014 kommen mir in den Sinn. Dieser Ort wirft so viele Fragen in meinem Kopf auf, allerdings beginnt sich dieser historisch bedeutsame Ort langsam wie ein ganz normaler Ort anzufühlen. Weil auch wenn die Nazis hier waren und grausame Dinge getan haben, ist es heute völlig okay eine Deutschland-Fahne in seinem Fenster zu haben. Anscheinend. Und dieser Gedanke erlöst mich ein wenig von meinem beklemmenden Gefühl.

Normalität kehrt auch dadurch ein, dass in der Stadt eine Art Oldtimer-Rallye stattfindet. Dies nimmt dem Ort vieles von seiner gespenstischen Atmosphäre und zeigt, dass heute, über 70 Jahre später, nichts vergessen, aber doch verziehen ist. Wenigstens ist es das, was ich hoffe als ich wieder in den Bus steige.